Besinnung

„Alle Zeit“

Es gibt Momente im Leben, da fühlt man sich, als ob man auf einer Parkbank sitzt: Man hält inne und fühlt Sehnsucht oder Hoffnung oder wird traurig und kann sich nicht erklären, warum. Man sitzt nur so da und denkt: Wie kommt es eigentlich, dass ich immer über dieselben Sachen im Leben stolpere? Wie kommt es, dass mir immer die gleichen Situationen Angst machen? Wieso sind es immer die gleichen roten Knöpfe, die mich zur Weißglut bringen? 
Das kann der Moment sein, an dem wir erkennen, dass es Muster in unserem Leben gibt, die immer wieder auftauchen – in unserem Leben und in unserer Geschichte, bei unseren Eltern oder Großeltern oder Urgroßeltern. 

Lebensmuster sind auch das Thema von Kathrin Gerlof in ihrem Roman „Alle Zeit“, den ich gerade gelesen habe. Klara, die Urgroßmutter, und Juli, die Urenkelin, treffen sich auf einer Bank, bräuchten einander und erkennen sich nicht. Die eine ist dement, die andere schwanger, beide sind einsam. Klaras Tochter Henriette und Julis Mutter Elisa haben ebenfalls sehr schwierige Erlebnisse hinter sich. Das Verhältnis ist vergiftet und sie haben kaum Kontakt. Woher kommt das bloß?
Als die beiden sich dann endlich auf den Weg machen, die Vergangenheit zu ergründen, sterben sie durch einen tragischen Unfall.

Die vier Frauen verbindet viel. Sie reden nicht miteinander, sie klären nicht ihre Geschichte, ihre Gefühle, reden nicht über Liebe oder Vergebung. Alles wird verdrängt, verschwiegen. 

Katrin Gerlof hat ihren Roman „Alle Zeit“ genannt. Die Frauen im Roman denken, dass sie alle Zeit der Welt haben. Aber das Gegenteil ist wahr: Henriette und Elisa vertrödeln ihre Zeit und sterben, bevor es zu einer Klärung kommen kann. Klara träumt lediglich davon, sich mit ihrer Tochter versöhnt zu haben. Statt „aller Zeit“ ist es fast immer zu spät. 

Gehen wir gedanklich wieder zurück auf unsere Parkbank und halten inne: „Was sind unsere Lebensmuster?“ und „Sind wir für immer darin gefangen?“

Das glaube ich nicht. Ich bin mir sicher, dass Gott etwas anderes für uns will. Er will uns zu befreiten und aufrechten Menschen machen. Jesus Christus ist zu den Menschen gegangen, die mit sich und der Welt zu kämpfen hatten. Nehmen wir doch einmal den aus Kindertagen bekannten Zachäus. Vielleicht erinnern Sie sich an den Zöllner auf dem Baum, der unbedingt Jesus sehen will?! 

Zachäus ist ein kleiner Mann.  Das ist kein Zufall, die Bibel ist da immer sehr genau. Ich stelle mir vor, dass Zachäus sich auch innen ganz klein gefühlt hat, dass er sich übersehen, gedemütigt und abgewertet gefühlt hat. Durch sein vieles Geld wollte er sich ganz groß machen. 
Das gibt ihm Sicherheit, aber er ist doch mit seinem Leben unzufrieden. 
Er geht zwar nicht auf eine Parkbank, aber er steigt auf einen Baum, um Jesus zu sehen. Und Jesus nimmt ihn wahr und will bei ihm zu Gast sein. Zachäus darf sich weiterhin aktiv und handlungsfähig fühlen, er kann aber auch den Mangel in seinem Leben erkennen und fühlt sich nun vollkommen damit angenommen. Er ist mit Gott versöhnt, mit sich selbst und dann sogar mit den anderen Menschen und gibt von seinem unrechtmäßig gewonnenen Geld ab. 

Ich habe Ihnen diese Geschichte aus zwei Gründen erzählt: Sie zeigt, dass Gott unsere Lebensmuster durchbrechen will. Und uns zu freien, barmherzigen Menschen machen will, die nicht ihre Persönlichkeit aufgeben müssen und sich doch weiterentwickeln können. Die Geschichte von Zachäus zeigt aber auch, wie Jesus uns verändern kann. Paulus beschreibt das so: „Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“  

Gott will unsere Lebensmuster durchbrechen, jedenfalls dort, wo sie uns unfrei machen, quälen und uns daran hindern, als der Mensch zu leben, als den Gott uns gedacht hat. 
Wir müssen uns dazu allerdings schon auf den Weg machen. Auf den Weg in unsere Geschichte, die Geschichte unserer Familie. Oft schaffen wir das nicht allein. Und darum müssen wir uns dann auch auf den Weg zu unseren Freunden, zu einem Menschen, dem wir vertrauen können und der uns zuhört machen. Manchmal auch auf den Weg zu einem guten Therapeuten, der uns fördert und fordert. Welchen Weg wir dabei auch gehen, wir müssen uns nicht dafür schämen. Es ist Gottes Wille, dass wir leben, und dazu nimmt Gott sicher manchmal ganz unterschiedliche Wege und Mittel in Anspruch. 
Durch den Propheten Jeremia verspricht Gott uns: „Ich gebe Euch Zukunft und Hoffnung.“



Mit lieben Grüßen, ihre Pfarrerin
Christina Ronzheimer